Niemand weiß genau, wann der Mensch zum ersten Mal entdeckt hat, dass Kalkstein gebrannt und mit Wasser gelöscht zum Tünchen und zur Mörtelherstellung verwendet werden kann. Kalkmörtelfunde in der Ost-Türkei zeigen aber, dass diese Kenntnisse schon vor rund 14.000 Jahren angewandt wurden.

3000 Jahre v. C. errichten die Ägypter aus Kalkstein eines der Weltwunder — die 137 Meter hohe Cheopspyramide. Über zwei Millionen gewaltige Kalksteinblöcke werden verbaut, ohne Kräne, Aufzüge, Preßluft, Lastwagen... Neben behauenen Kalksteinblöcken wird bereits Kalkmörtel eingesetzt. Zur gleichen Zeit gehen im Zweistromland Mesopotamien die ersten "professionellen" Kalköfen in Betrieb.
Als die Chinesen ihre 2500 Kilometer lange Mauer zum Schutz vor den Barbaren errichten, stabilisieren sie den Boden mit Kalk. Wie könnte er sonst das Riesengewicht des bis zu 16 Meter hohen Wunderwerkes tragen? Kalk ist als Bodenfestiger entdeckt.

Die Chinesische Mauer wurde in verschiedenen Techniken errichtet, meist aus gestampftem Lehm, aber auch gemauerten Bereichen. Während die Lehmziegel mittlerweile vielfach verwittert sind, blieb der Kalkmörtel, der die Steine zusammenhält, bis heute nahezu unbeschadet.
Kalk war auch für die Autoren der Bibel ein fester Begriff. An mehreren Stellen werden der Kalkmörtel und die Kalktünche erwähnt und zu Gleichnissen verwendet, ein Zeichen für die allgemeine Bekanntheit der Kalkverwendung bereits in biblischen Zeiten.
Die Ägypter gerben ihre Felle mit Kalk, Assyrer benutzen ihn zur Glasherstellung und -färbung. Griechen und Römer verwenden Kalkfarben für ihre herrlichen Fresken. Die Kelten düngen ihre Felder regelmäßig mit Kalk. Auch als Heilmittel ist Kalk bereits in der Antike bekannt.
Der Römer Plinius nennt das Naturmittel in einem wissenschaftlichen Werk von 37 Bänden "Schmalz der Erde". In dieser Zeit entdecken die Frauen der Germanen einen neuen Modetrend: sie färben sich mit ungelöschtem Kalk die Haare hellrot.

Es sind die Römer, die den Kalk in Germanien als Baustoff einführen. Sie entwickelten die Brenntechnik für Kalk zu einem Standard, der fast industrielles Niveau erreichte. Diese Technik wurde über das gesamte römische Imperium verbreitet - Kalköfen römischer Bauart sind im ganzen Gebiet des alten Germanien ausgegraben worden.
Zwar war der Kalkeinsatz hier bereits vor den Römern bekannt, die systematische und gezielte Nutzung als Baustoff wurde jedoch von diesen großen Baumeistern eingeführt. Sogar den Beruf des Kalkbrenners, des magister calcariarum, haben uns viele Weihesteine aus römischer Zeit mit Namen und Portrait überliefert.
Ums Jahr 200 n. Chr. betreiben die Römer bei Bad Münstereifel eine Kalkbrennerei von überregionaler Bedeutung. Der teilweise rekonstruierte Betrieb in Iversheim kann heute besichtigt werden.


Das Wissen der Antike geriet im Mittelalter teilweise in Vergessenheit. Die Alchimisten aber verwendeten den Kalk immer wieder als einen besonderen Stoff.
Sie widmeten ihm sogar ein eigenes Zeichen – die Kalkrune. Diese Kalkrune symbolisierte für die mittelalterlichen Alchimisten den geheimnisvollen Umwandlungsprozeß, bei dem mit Hilfe von Wärme aus Kalkstein Kalk und dann wieder Kalkstein wird.
Heute stellt Kalk einen wichtigen Grundstoff für praktisch jedes Erzeugnis dar. Von Arzneimittel bis Zahnpasta ist kein Produkt denkbar, das ohne Kalk entstehen könnte. An diese besondere Stellung des Kalkes erinnert deshalb noch heute das Logo des Kalkverbandes, das die mittelalterliche Kalkrune zitiert.