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10.03.2017
Gewerkschaften werden immer unwichtiger

Gewerkschaften werden immer unwichtiger

Seit 100 Jahren sind die Gewerkschaften in Deutschland anerkannte Partner der Arbeitgeber. Doch pünktlich zum Jubiläum offenbart sich einmal mehr der fortschreitende Bedeutungsverlust der Arbeitnehmervertretungen – und zwar europaweit. Obwohl das Jubiläum eigentlich ein Grund zu feiern wäre, bietet es auch einen Anlass, kritisch auf die aktuelle Situation zu schauen. Denn die Gewerkschaften werden den Arbeitnehmern immer unwichtiger, wie sich leicht an der Entwicklung des Netto-Organisationsgrades ablesen lässt. Laut European Social Survey waren im Jahr 2014 nur noch 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland gewerkschaftlich organisiert. 16 Prozent der Befragten gaben außerdem an, sie seien früher Mitglied einer Gewerkschaft gewesen, inzwischen aber ausgetreten.

Deutsche Gewerkschaften liegen im Mittelfeld

Während in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre noch weit mehr als 30 Prozent der Arbeitnehmer einen Gewerkschaftsausweis hatten, halten immer weniger Beschäftige eine kollektive Interessenvertretung für notwendig. Mit seinem aktuellen Organisationsgrad von 15 Prozent liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld: Weit höher ist das Gewicht der Gewerkschaften insbesondere in jenen Ländern, in denen auch die Arbeitslosenversicherung von den Gewerkschaften verwaltet wird. Das trifft auf Dänemark, Schweden, Finnland und Belgien zu. Besser organisiert als die Deutschen sind aber beispielsweise auch die Österreicher, die Iren und die Briten. Ein noch schlechteres Standing haben die Gewerkschaften dagegen in Ost- und Südeuropa – dort liegt der Organisationsgrad unter 10 Prozent.

Trittbrettfahrerverhalten und kommunistische Altlasten sind Probleme

Das Problem der Gewerkschaftsflucht beschäftigt Deutschland nicht allein. In allen europäischen Ländern ist mindestens jeder zehnte Arbeitnehmer aus der Gewerkschaft ausgetreten. Besonders schwer haben es die Arbeiterorganisationen in den ehemaligen kommunistischen Ländern, denn dort galten sie als Teil des Systems. Selbst in Polen, wo die „Solidarnosc“ die wichtigste Oppositionsbewegung war, sind Gewerkschaften heute nur noch eine Randerscheinung. Tarifverträge erstrecken sich zudem häufig auch auf unorganisierte Arbeitnehmer. Teilweise werden diese für allgemeinverbindlich erklärt, gelten damit automatisch auch für alle nicht tarifgebundenen Unternehmen und Beschäftigten. Diese Praxis existiert sehr  ausgeprägt in Österreich, Belgien, Finnland und Frankreich. Dadurch ist der Anreiz für den einzelnen Arbeitnehmer groß, andere für die Gewerkschaften zahlen zu lassen.

Starke Gewerkschaften sichern Betriebsfrieden und Gleichstellung

Der einfachste Ansatzpunkt, um die Arbeitnehmerorganisationen in Deutschland und ganz Europa wieder zu stärken, ist wohl der gezielte Versuch, ausgetretene Mitglieder zurückzugewinnen. Auch aus Sicht der Unternehmen wäre das durchaus sinnvoll, denn ausreichend organisierte Gewerkschaften tragen dazu bei, staatliche Eingriffe in die Tarifautonomie zu vermeiden. Andernfalls sieht sich der Staat leichter genötigt, bestimmte Standards gesetzlich festzulegen. Zum anderen ersparen kollektiv geregelte Arbeitsbedingungen individuelle Verhandlungen über jeden Arbeitsvertrag, und sie sichern den Betriebsfrieden. Ein Gender Pay Gap zum Beispiel ist in Unternehmen, die Tarifverträge anwenden, unbekannt.