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05.05.2017
Mittelschicht in Deutschland ist nicht bedroht

Mit seinem 2016 veröffentlichten Buch "Armut in Deutschland" hat Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands, für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Der 64-jährige Volkswirt tritt Meldungen über die vermeintlich bedrohte Mittelschicht vehement entgegen.

Abstieg nach ganz unten ist selten

Die Ängste vor Wohlstandsverlust und Prekarisierung der Mitte beziehen sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft. An der Mitte nagt die Vorstellung, die eigenen Kinder könnten den Lebensstandard, den man selbst erreicht hat, nicht halten. Natürlich gibt es in einer offenen Gesellschaft nicht nur gesellschaftliche Aufstiege, sondern auch Abstiege. Nur in einer historischen Ausnahmesituation, wie den Nachkriegsjahren mit ihren massiven Realeinkommensgewinnen für alle Schichten, konnte diese simple Wahrheit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Aber auch der befürchtete Absturz aus der Mitte nach ganz unten ist selten.

Politik muss positive Zukunftsvorstellung entwickeln

Die hohen Wachstumsraten der Nachkriegsdekaden kommen nicht wieder. Unbestreitbar ist, dass es bei dauerhaft niedrigen Wachstumsraten weit schwieriger ist, Konflikte abzumildern, wenn Individuen und Gruppen ihre Position im Einkommensgefüge verbessern oder zurückfallen. Trotzdem macht es keinen Sinn, die 1950er, 1960er und 1970er Jahre nostalgisch zu verklären. Es geht uns, alles in allem, heute deutlich besser, auch materiell. Was uns fehlt, so der Soziologe Stephan Voswinkel, ist eine "positive Vision einer Postwachstumsgesellschaft", eine positive Zukunftserwartung bei niedrigeren Wachstumsraten. Sie kann, so Voswinkel, nur entwickelt werden, wenn es gelingt, das Versprechen, das hinter Wachstum und sozialem Aufstieg steht, vom Wachstum selbst zu entkoppeln.

Cremer plädiert für starken Sozialstaat

Menschen wollen aufsteigen, um ihre Lebensqualität zu verbessern, um Autonomiespielräume zu gewinnen und Wertschätzung zu erfahren. Diese hinter dem Wunsch nach sozialem Aufstieg stehenden Bedürfnisse müssen aber nicht zwingend über Aufstiegskonkurrenz realisiert werden. Eine solche positive Zukunftsvorstellung zu entwickeln, ist dringender denn je.

Eine Wirtschafts- und Bildungspolitik, die die Voraussetzungen für Innovation und Produktivität schafft, kann die materielle Basis für ein gelingendes Leben sichern. Laut Cremer könne das Konzept einer inklusiven Sozialen Marktwirtschaft Orientierung geben.

Dazu gehöre ein starker Sozialstaat, der die Menschen dabei unterstützt, ihre Potenziale zu entfalten. Dieser müsste eine Bildungspolitik durchsetzen, die sozial benachteiligte Milieus fördert. Der Staat müsse die Schulen in sozialen Brennpunkten personell und sachlich besser ausstatten. Allerdings merkt Cremer auch an, dass diese Bildungspolitik nur eine Chance hat, wenn man die Bildungsbedürfnisse der Mitte nicht vernachlässigt.

Damit sich die Mitte weniger bedroht fühlt, sieht Cremer die  Sozialverbände in der Verantwortung, Sicherheit auszustrahlen. Das gelte auch in der Rentendebatte: Cremer sieht die Gefahr, dass die geringe Auswirkung einer Rentenerhöhung beim Blick auf den eigenen Rentenbescheid frustriert, weil unrealistische Erwartungen gehegt wurden.