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04.08.2015
Güterbahnen:

Auf langen Strecken unverzichtbar

Die Streiks der Lokführer haben nicht nur die Fahrgäste frustriert, sondern auch den Logistikern in der Industrie schlaflose Nächte bereitet. Denn für den Transport vieler Güter vom Hersteller zum Verbraucher spielt der Schienenverkehr eine entscheidende Rolle. Das gilt vor allem für schwere Massengüter, die über lange Strecken transportiert werden müssen.

Neun Streiks waren es, bis die Schlichtung schließlich eine Einigung brachte – das ist die Bilanz des Tarifkonflikts zwischen der Gewerkschaft der Lokführer und der Deutschen Bahn, der im Herbst 2014 begann. Die Arbeitsniederlegungen bedeuten für alle Betroffenen Ärger und Kosten. Die Deutsche Bahn selbst beziffert ihre streikbedingten Kosten auf zehn Millionen Euro pro Streiktag. Schlimmer noch im Güterverkehr: Die gesamtwirtschaftlichen Kosten durch Streiks im Schienengüterverkehr summieren sich pro Streiktag nach Schätzungen des Instituts der deutsche Wirtschaft Köln (IW) auf etwa 50 Millionen Euro.

Diese Kosten entstehen vor allem dadurch, dass die Industrie ihre Logistikprozesse umstrukturieren muss, um Produktions- und Lieferausfälle zu vermeiden. Bisher ist dies offensichtlich gut gelungen – selbst während der bislang längsten Streikphase Anfang Mai kam die Fertigung in den deutschen Betrieben nur vereinzelt zum Stillstand.

Bahn-Mitbewerber waren zur Stelle während des Streiks

Um Fertigungsausfälle zu vermeiden, haben die Logistiker der Industrieunternehmen viele Frachten, die sonst von der Deutschen Bahn transportiert werden, von anderen Bahnen abwickeln lassen. Dass dies überhaupt möglich war, ist auf die Liberalisierung des deutschen Marktes für den Schienengüterverkehr seit 1994 zurückzuführen. Denn dadurch wurde der Wettbewerb in den vergangenen Jahren immer intensiver: Im Jahr 2003 wickelten die Konkurrenzunternehmen der Deutschen Bahn erst 7 Prozent des gesamten Schienengütertransports ab – 2013 erreichte ihr Marktanteil 33 Prozent bei weiter stark steigender Tendenz.

Bei Kalk bisher nur wenige Transport-Alternativen

Die wichtigsten Wettbewerber sind derzeit Tochterunternehmen der ehemaligen Staatsbahnen aus Frankreich, Italien und der Schweiz. Der Wettbewerb auf der Schiene ist allerdings je nach Transportgut sehr unterschiedlich ausgeprägt. Besonders viele Konkurrenten gibt es beim Transport von Containern und Lkws per Zug. Auch beim Transport von Chemieprodukten gibt es einen intensiven Wettbewerb, weil sich in diesem Bereich schon vor 15 Jahren neue Güterbahnen gegründet haben, an denen die Chemieunternehmen selbst beteiligt sind. Deutlich weniger Alternativen zur Deutschen Bahn gibt es dagegen beim Transport von Massengütern wie Zement, Kalk, Erzen oder Kohle.

Als weitere Reaktion auf die Bahnstreiks haben die Industriefirmen Transporte von der Schiene auf die Straße verlagert. Viele Unternehmen haben in diesen Fällen auf in Osteuropa zugelassene Fahrzeuge zurückgegriffen, weil es dort aufgrund der Wirtschaftssanktionen gegen Russland freie Transportkapazitäten gibt.

Transport-Anteil der Schiene 2014 um ein Prozent gesunken

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 365 Millionen Tonnen Güter auf der Schiene transportiert – fast 9 Millionen Tonnen weniger als 2013. Alle anderen Verkehrsträger legten dagegen zu – der Gütertransport auf der Straße etwa um 126 Millionen auf 3.493 Millionen Tonnen. Damit sank der Marktanteil der Schiene von 9,2 auf 8,1 Prozent – das war der niedrigste Wert seit 2001.

Bahn bei langen Strecken konkurrenzlos

Aber der Marktanteil spiegelt die tatsächliche Bedeutung des Schienenverkehrs für die Güterversorgung in Deutschland nur unzureichend wider – schon deshalb, weil dieser Indikator lediglich die Transportmengen erfasst. Entscheidend sind aber die Entfernungen – und hier gilt: Wenn eine größere Ladung über lange Strecken transportiert werden soll, ist die Bahn fast schon konkurrenzlos. Im Durchschnitt reist eine Tonne Fracht mit der Bahn 303 Kilometer weit, mit in Deutschland zugelassenen Lkws dagegen nur 96 Kilometer.

Ein einziger Güterzug ersetzt 240 Kipplaster

Generell kommen die beiden Verkehrsträger Straße und Schiene zwar je nach Güterart und Länge des Transportwegs in unterschiedlichem Maße zum Einsatz, bilden aber erst gemeinsam ein vollständiges Transportnetz. Die größte Transportleistung erbringt die Bahn allerdings mit klassischen Massen- und Schüttgütern wie Metallen, Erzen oder Kohle. Die Straße ist hier auf längeren Strecken keine Alternative. So bringt Deutschlands schwerster Güterzug pro Fahrt 6.000 Tonnen Erze von Hamburg nach Salzgitter. Um diesen Zug zu ersetzen, müssten sich 240 Kipplaster auf den Weg machen. Folglich waren Unternehmen, die solche Güter anbieten, von den Bahnstreiks besonders betroffen.