Mehr Absolventinnen, aber Mangel bleibt

MINT-Fachkräfte

„Uns fehlen Fachkräfte mit naturwissenschaftlich orientierten Abschlüssen! Und die Lücke wird immer größer!“

Der Aufschrei der Wirtschaft scheint zumindest bei den Studienanfängern anzukommen: Immer mehr junge Menschen – und neuerdings auch mehr Frauen – studieren Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Trotzdem reicht die Zahl der Absolventen bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Die gute Nachricht zuerst: Immer mehr Frauen schließen einen MINT-Studiengang ab. Zwischen 2005 und 2010 stieg die Zahl der Absolventinnen um ein Drittel von rund 20.000 auf etwa 30.000. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der erwerbstätigen MINT-Akademikerinnen um 150.000 gestiegen, was einen jährlichen Zuwachs von 4,7 Prozent bedeutet – bei den Männern fiel dieser mit 2,8 Prozent etwas geringer aus. Doch besonders die Ingenieurswissenschaften werden nach wie vor von den Männern dominiert. In Mathematik, Informatik und den Naturwissenschaften ist bei den Absolventen der Frauenanteil mit 41 Prozent doppelt so hoch wie in den Ingenieurfächern.

Rosige Aussichten für Absolventen

Wer heute einen Berufsabschluss in einem der Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik in der Tasche hat, kann sich glücklich schätzen: Die Nachfrage nach Fachkräften in technischen Berufen ist weitaus größer, als das Angebot. Was für Absolventen einen Segen bedeutet, ist für die Arbeitgeber aus Deutschlands Industrie der Fluch der demografischen Entwicklung. Zuletzt – im November 2012 – waren insgesamt 76.600 offene Ingenieurstellen zu besetzen, mehr als die Hälfte mit den Schwerpunkten Maschinen- und Fahrzeugtechnik (23.900) und Energie- und Elektrotechnik (18.000). Dem gegenüber standen 23.660 arbeitslose Ingenieure. Im Schnitt kamen im November 2012 auf einen arbeitslosen Ingenieur 3,2 offene Stellen.

In der Beschäftigungsentwicklung lassen sich allerdings nicht alle MINT-Fachkräfte über einen Kamm scheren. Datenverarbeitungsfachleute etwa sehen sich einer Verdreifachung der offenen Stellen seit 2005 gegenüber, Jobangebote für Naturwissenschaftler und Mathematiker stiegen hingegen „nur“ um 77 Prozent. Im November 2012 am häufigsten von Arbeitslosigkeit betroffen waren Ingenieure mit Schwerpunkten bei Bau, Vermessung, Gebäudetechnik und Architektur (7.601) sowie Technischer Forschung und Produktionssteuerung (6.557).

Ursachen des Fachkräftemangels

Die Fachkräftelücke hat zwei Ursachen, die sich in Zukunft noch verschärfen werden. Erstens werden zwischen 2015 und 2020 jedes Jahr 53.300 MINT-Akademiker altersbedingt pensioniert, was annähernd 8.000 mehr pro Jahr sind als heute. Zweitens kann man beim Bedarf an MINT-Akademikern in den vergangenen zehn Jahren von einer starken Beschäftigungsexpansion sprechen. Wenn diese weiter so anhält, braucht die deutsche Wirtschaft jährlich 107.000 MINT-Hochschulabsolventen. Ab dem Jahr 2015 wären sogar mit 155.000 zu rechnen. Leider entspricht die tatsächliche Absolventenzahl nicht dem Bedarf – 2010 machten lediglich 98.400 junge Menschen ihren Hochschulabschluss in einem MINT-Fach.

Trotzdem zeigt das Werben der Wirtschaft um entsprechende Studiengänge Wirkung: Zwischen 2005 und 2010 stieg die Absolventenzahl um rund 33.000. Zum Werben der Wirtschaft zählt sicherlich auch ein reizvolles Einstiegsgehalt, das in der Regel wegen des Engpasses angehoben wurde. Auch für potentielle weibliche MINT-Fachkräfte kann der Lohn ein gutes Argument zur Studienwahl sein: In der Industrie beschäftigte MINT-Absolventinnen verdienen mit 4.300 Euro brutto pro Monat fast 700 Euro mehr als eine Durchschnitts-Akademikerin.

Für die Zukunft erwarten die Ökonomen des IW Köln, dass sich die Zahl der MINT-Absolventen weiter erhöhen wird: Bis 2020 werden voraussichtlich 200.000 Absolventen mehr, als bisher erwartet, die Unis verlassen. Die Studienfachneigung von Abiturienten wird ebenfalls positiv prognostiziert; trotzdem wird die derzeit erwartbare Zahl an MINTlern nicht ausreichen, um den Bedarf in Zukunft zu decken. Ein Mittel gegen die Lücke ist das Werben um Nachwuchs – auch um mehr junge Frauen, deren Interesse steigt und noch weiter steigen sollte.