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16.01.2014
Tarifrunde Chemie: Zu viel ist zu viel

Die Forderung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) nach 5,5 Prozent mehr Geld für zwölf Monate passt nicht zur wirtschaftlichen Lage der Branche. Auch das zweite Anliegen, die tarifliche Verpflichtung zur Übernahme von Auszubildenden, hat es in sich.

Seit Anfang Dezember wird in der Chemischen Industrie regional verhandelt. Dabei geht es der Gewerkschaft neben höheren Löhnen auch um eine tarifvertragliche Azubi-Übernahmegarantie. Was die Lohnforderung betrifft, gibt sich die IG BCE für 2014 bescheidener als in den Vorjahren: Mit Ausnahme des Nachkrisenjahres 2010 betrugen ihre Entgeltforderungen in den vergangenen sechs Jahren immer zwischen sechs und sieben Prozent. Dennoch: Die aktuelle Forderung von 5,5 Prozent, mit der die Gewerkschaft in die bundesweiten Verhandlungsrunden geht, ist angesichts der schleppenden Chemiekonjunktur und des lohnpolitischen Verteilungsspielraums, der für das kommende Jahr auf knapp ein Prozent geschätzt wird, eher ambitioniert. Rechnet man – wie die Gewerkschaften – noch einen Teuerungsausgleich hinzu, ergäbe sich ein Verteilungsspielraum von allenfalls rund drei Prozent.

Die Chemieproduktion liegt jedoch noch immer knapp unter dem Vorkrisenniveau von 2007; zudem bewegt sich die Branchenkonjunktur seit zehn Quartalen seitwärts. Die Produktionskosten sind in der Chemie in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen, wobei die Unternehmen gleich von zwei Seiten in die Zange genommen wurden: Zum einen belastet sie die Energiewende, zum anderen sind die Löhne in der Chemischen Industrie seit 2005 schneller gestiegen als in anderen Branchen. Die Produktivität ist allerdings im Jahr 2012 um 3,8 Prozent gesunken und dürfte 2013 stagniert haben – dementsprechend legten die Lohnstückkosten 2012 um 7,4 Prozent und 2013 um 3,1 Prozent zu.

Um die Wettbewerbsfähigkeit der Chemischen Industrie nicht aufs Spiel zu setzen, darf deshalb in der kommenden bundesweiten Lohnrunde die Schere zwischen Tariferhöhungen und Produktivitätswachstum nicht weiter auseinander gehen. „Die Produktivität ist gesunken, die Lohnstückkosten sind hingegen deutlich gestiegen. Diesen Trend müssen wir umkehren – im Interesse von Standort und Beschäftigung“, fordert daher zu Beginn der bundesweiten Tarifverhandlungen der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbandes BAVC, Hans-Carsten Hansen. Die Schere zwischen kräftigen Tariferhöhungen und rückläufiger Produktivität dürfe nicht weiter auseinander gehen, so Hansen: „Die Chemie muss beim Entgelt auf die Kostenbremse treten.“

Die IG BCE müsse ihre Beurteilung der wirtschaftlichen Lage vom Kopf auf die Füße stellen, erklärte der BAVC-Verhandlungsführer. Bisher habe man „von der IG BCE kaum mehr gehört als Zweckoptimismus, um eine überzogene Lohnforderung zu stützen. Wir wollen mit der Gewerkschaft auf dem Boden von Tatsachen über einen Kompromiss verhandeln. Einen Tarifabschluss auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit können wir uns nicht leisten.“ Die Arbeitgeber fordern vielmehr eine Kostenbremse, um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu stärken. „5,5 Prozent mehr Geld wird es nicht annähernd geben“, machte Hansen deutlich: „Die Chemie läuft nur auf Sparflamme. Unter dem Strich steht ein stagnierendes Geschäft bei steigenden Kosten.“

Auch die zweite Gewerkschaftsforderung nach einer Übernahmegarantie für Auszubildende stimmt bedenklich. Die IG BCE räumt zwar ein, dass die Chemische Industrie bereits heute mehr als 80 Prozent der Lehrlinge übernimmt, verweist aber darauf, dass nur ein Drittel der Übernommenen eine unbefristete Stelle erhält. Deshalb möchte die IG BCE die Übernahme in einem Tarifvertrag regeln.

Die Arbeitgeber wollen dagegen die Entscheidung, ob ein Lehrling am Ende seiner Ausbildung übernommen wird, in der Verantwortung der Unternehmen belassen. Denn andernfalls würden viele Firmen demotiviert, über den Bedarf hinaus auszubilden oder auch schwächeren Bewerbern eine Chance zu geben. Damit würden außerdem die Erfolge des Tarifvertrags „Zukunft durch Ausbildung“ und des Programms „Start in den Beruf“ gefährdet. Durch Letzteres wurden seit dem Jahr 2000 rund 2.500 Jugendliche so gefördert, dass sie einen Arbeitsplatz bekamen oder eine Ausbildung antreten konnten. Die Arbeitgeber seien bereit, die Erfolgsgeschichte des Tarifvertrags „Zukunft durch Ausbildung“ fortzuschreiben, wenn der tarifliche Grundsatz „Ausbildung geht vor Übernahme“ weiterhin gilt, betont Hansen. Im Weg stehe allerdings die Übernahmeforderung: „Die Übernahme-Entscheidung muss in der Verantwortung der Unternehmen bleiben. Jeder tarifliche Zwang würde dazu führen, dass die Ausbildungsbereitschaft Schaden nimmt.“