Ist die 10%-Regel für Kalk sinnvoll?

Sonderstatus für Kalk

Die Trinkwasserverordnung sieht vor, dass alle Aufbereitungsstoffe (wie z.B. Kalkprodukte) in der Trinkwasserherstellung den Anforderungen des Bundesministeriums für Gesundheit genügen müssen, um anerkannt und gelistet werden zu können. Dabei gibt es auf europäischer Ebene eine Übereinkunft der Fachleute bzgl. der sogenannten "10%-Regel". Sie besagt, dass durch die Anwendung von Aufbereitungsstoffen zur Trinkwasserherstellung die Konzentration eines mit einem Grenzwert versehenen, gesundheitsrelevanten Parameters im aufbereiteten Wasser um nicht mehr als 10% seines Grenzwertes erhöht werden darf. Würde die strikte Vorgabe der 10%-Regel zur Anwendung kommen, so würde gerade dem speziellen Verhalten des Kalkes bei der Schwermetallentfernung aus dem Trinkwasser nicht Genüge getan.

Übereinkunft auf europäischer Ebene

Seit der Novellierung der Trinkwasserverordnung 2001 werden auch Reinheit, Dosiermenge und Höchstkonzentration der Reststoffe und Reaktionsprodukte im Trinkwasser festgelegt. Dabei gibt es auf europäischer Ebene eine Übereinkunft der Fachleute bzgl. der sog. "10%-Regel". Kalkprodukte sind allerdings bisher in Dosiermenge und Höchstkonzentration noch nicht festgelegt worden. Dies soll aber voraussichtlich bis Ende 2006 nachgeholt werden.

10% sind das Limit

... mit dieser Vorgabe will man erreichen, dass durch die Aufbereitungsstoffe, die selbst Spuren von schädlichen Verunreinigungen (z.B. Schwermetalle) enthalten können, keine unnötige Zusatzbelastung für das Trinkwasser eingetragen wird. Diese Limitvorgabe besagt, dass durch die Anwendung von Aufbereitungsstoffen zur Trinkwasserherstellung die Konzentration eines mit einem Grenzwert versehenen gesundheitsrelevanten Parameters im aufbereiteten Wasser um nicht mehr als 10% seines Grenzwertes erhöht werden darf. Daher richtet sich z.B. die maximale Dosiermenge eines Aufbereitungsstoffes neben der technisch notwendigen Menge auch nach dessen Gehalt an Verunreinigungen.

Verunreinigungen in Kalkprodukten

Welche Verunreinigungen Kalkprodukte enthalten können wird bereits in den entsprechenden europäischen Normen für Kalke zur Trinkwasseraufbereitung geregelt. Dort werden für Schwermetalle maximale Konzentrationen festgelegt. Unberücksichtigt bleibt dabei jedoch, welche Bindungsform diese Stoffe haben und ob sie in der wässrigen Phase gelöst werden können, denn nur für lösliche Stoffe kann die o.g. Regel ja zutreffen. Umfangreiche Untersuchungen haben ergeben, dass insbesondere die Schwermetalle Blei, Nickel und Arsen bei der Entcarbonisierung von Trinkwasser nicht aus dem Kalk gelöst werden, sondern im Gegenteil, diese Stoffe werden mit Hilfe von Kalk noch aus dem Trinkwasser entfernt.

Die Ausnahme von der Regel

Werden für Kalkprodukte die Dosiermengen und Höchstkonzentrationen nach dem üblichen Schema der 10%-Regel festgelegt, so würde gerade dem speziellen Verhalten des Kalkes bei der Schwermetallentfernung aus dem Trinkwasser nicht Genüge getan. Man würde keinen besseren Effekt erzielen, wenn man z.B. für die Blei-, Nickel- und Arsenkonzentration in den Kalken schärfere Grenzwerte fordern würde. Es sind daher Überlegungen anzustellen, die dem hohen effektiven Nutzen der Kalkprodukte in der Entfernung von Schwermetallen entgegen kommen. Zumindest ist bei Anwendung der 10%-Regel der Austrag der Schwermetalle im Carbonatschlamm in der Gesamtbilanz zu berücksichtigen.

Zum Beispiel: Blei

Eine Beispielrechnung zeigt, welche Schwierigkeiten bei der Dogmatisierung der 10%-Regel auftauchen können: Der Grenzwert für Blei liegt in der Trinkwasserverordnung bei 0,01 mg/l. Das bedeutet, dass durch die Anwendung von Kalk die Bleikonzentration im Trinkwasser höchstens um 0,001 mg/l erhöht werden darf. Beim Weißkalk vom Typ DIN EN 12518 dürfen demnach bei einem Grenzwert von 25 mg/kg für Blei als maximale Dosiermenge für die Entcarbonisierung lediglich 40 g/m3 eingetragen werden. Diese Menge reicht aber in der Regel nicht aus, um den gewünschten Härtegrad zu erreichen, denn üblicherweise sind Dosiermengen bis zu 200 g/m3 erforderlich.

Abgerechnet wird beim Austrag

Man kann nicht einerseits in europäischen Normen die Reinheit von Kalkprodukten angeben und gleichzeitig durch die 10%-Regel wieder aufheben. Außerdem gibt es keine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative zur Trinkwasseraufbereitung mit Kalkprodukten und keine, die ganzheitlich betrachtet so umweltneutral ist. Von Fachleuten wird auch immer wieder betont, dass ein Grossteil der im Wasser vorhandenen Schwermetalle durch den Carbonatniederschlag gezielt eingebunden wird.

Kalk macht harte Regeln weich

Der Weichmacher für Trinkwasser erweist sich auch als Weichmacher für die 10%-Regel. Aber damit kein Zweifel bleibt: Nicht die Sauberkeit des Trinkwassers soll durch eine Abweichung von der 10%-Regel angegriffen werden, ganz im Gegenteil: Eine saubere Interpretation der Regel über den gesamten Aufbereitungsprozess führt zu einer von allen Fachleuten und Forschern als sinnvoll beurteilten Regelung für Kalkprodukte: Hier darf die enge Auslegung der 10%-Regel nicht gelten, wichtiger ist die Wasserqualität, die am Ende der Trinkwasseraufbereitung beim Kunden aus dem Hahn kommt. Und wichtig ist auch, dass lebensnotwendiges Trinkwasser bezahlbar bleibt. Dies ist das Ziel, das sich der Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie gesteckt hat. Durch Kontakt mit den entsprechenden Behörden soll versucht werden, das rechte Augenmaß zu finden. Die abschließenden Ergebnisse erfahren Sie aktuell im nächsten Umweltschutz-Newsletter.

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