Chemie-Tarifrunde 2012: Antworten auf die Demografie

Für die 550.000 Chemie-Beschäftigten bringen die kommenden Sommermonate ein Plus von 4,5 Prozent auf ihrem Gehaltszettel. Darauf haben sich die Sozialpartner der Chemie-Industrie, BAVC und IG BCE Ende Mai verständigt. Zugleich ermöglicht das Tarifpaket den Betrieben durch eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung in den einzelnen Lebensphasen individuelle Antworten auf die demografischen Herausforderungen.

Je nach Region steigen die Entgelte in der Chemie-Industrie ab Juli, August oder September für eine Laufzeit von 19 Monaten. Abweichend davon können die Betriebe mit ihrem Betriebsrat auch vereinbaren, die Auszahlung einen Monat früher oder zwei Monate später beginnen zu lassen. Besonders aber für das immer drängendere Problem des demografischen Wandels haben die Verhandlungspartner zukunftsweisende Lösungen für die Betriebe gefunden.
So haben sie einen neuen Demografie-Korridor vereinbart, nach dem Beschäftigte bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten können, wenn dies aus demografischen Gründen nötig ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn für ausscheidende Mitarbeiter nicht genügend Fachkräfte nachrücken. Die reguläre 37,5-Stunden-Woche kann aber auch um 2,5 Stunden reduziert werden, um einzelne Beschäftigte zu entlasten. Das ist etwa für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sinnvoll. Diese Flexibilisierung kann über eine Betriebsvereinbarung oder individuell ohne Zustimmung der Tarifpartner für einzelne Arbeitnehmergruppen geregelt werden. Die Beschäftigten erhalten für die zusätzliche Wochenarbeitszeit einen Zeitausgleich. Alternativ ist aber auch eine Vergütung möglich.

Zusätzlich haben die Tarifpartner vereinbart, dass die Unternehmen den vorhandenen Demografiefonds um 200 Euro pro Jahr und Tarifbeschäftigtem aufstocken. Mit diesen Geldern finanzieren die Betriebe eine Arbeitszeitgestaltung, die der jeweiligen Lebensphase der Arbeitnehmer entspricht.

Wurde die Wochenarbeitszeit nach dem bisherigen Modell der Altersfreizeiten für Mitarbeiter ab 57 Jahren grundsätzlich um 2,5 Stunden reduziert, können Betriebsrat und Geschäftsführung Arbeitnehmern nun die Option bieten, die Altersfreizeit für einen späteren Zeitpunkt aufzusparen: Im Modell ?reduzierte Vollzeit 80? stellen ältere Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft dem Unternehmen länger zur vollen Verfügung und erhalten dafür eine 20-prozentige Arbeitszeitminderung mit Entgeltausgleich auf Vollzeitniveau. Die Betriebsparteien können die Fondsmittel aber auch in früheren Lebensphasen der Mitarbeiter einsetzen, damit diese beispielsweise Familie und Beruf besser vereinbaren können.

BAVC-Präsident Eggert Voscherau sieht in dem Abschluss ein ?wichtiges Signal über die Branche hinaus. In einer äußerst unruhigen Zeit sorgen wir für Ruhe, Berechenbarkeit und Planungssicherheit in den Betrieben.? Als wichtige Grundlage für mehr Flexibilität in den Chemie-Unternehmen wertet BAVC-Verhandlungsführer Hans-Carsten Hansen das Ergebnis: ?Die Verhandlungen waren hart, aber sie waren fair und konstruktiv. Unter dem Strich haben wir unsere Ziele erreicht: einen realistischen Entgeltkompromiss und mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Dabei sind wir beim Entgelt ans äußerste Limit gegangen. Allerdings konnten wir die Kostenbelastung durch die lange Laufzeit, den Leermonat und den variablen Beginn der Tariferhöhung begrenzen. Damit haben wir insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen sowie für zahlreiche weiterverarbeitende Betriebe den dringend notwendigen Spielraum herausgeholt.? Auch beim Thema ?Demografie und Arbeitszeit? sei man mit dem Demografie-Korridor und der Option ?reduzierte Vollzeit 80? einen großen Schritt weiter: ?Das ist ein intelligenter Umbau im Bereich der Arbeitszeit. Zudem wollen wir nach der Tarifrunde einen neuen Bebauungsplan für lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung entwickeln. Demografie ist eine Daueraufgabe für die Tarifparteien.?