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06.03.2015
Reallohnentwicklung

Es bleibt mehr in der Tasche

Gewerkschafter und Politiker behaupten immer wieder, dass der Aufschwung bei den Beschäftigten nicht ankomme, weil die Inflation die Lohnzuwächse auffresse. Doch davon kann schon länger keine Rede sein.

Als Gerhard Schröder im März 2003 die Agenda 2010 vorstellte, galt Deutschland noch als der kranke Mann Europas. Es gab fünf Millionen Arbeitslose, und die Wirtschaft stagnierte. Inzwischen ist das Land zur Konjunkturlokomotive Europas geworden, wenngleich sich das Tempo seit dem Frühjahr 2013 spürbar verlangsamt hat.

Gleichzeitig eilt die Bundesrepublik von einem Beschäftigungsrekord zum nächsten, wobei sich die gute Arbeitsmarktentwicklung auch in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit niederschlägt: Die Zahl der Arbeitslosen sank im Jahr 2014 auf 2,9 Millionen.

Gewerkschaften schalteten in den 90ern einen Gang zurück

Neben den durch die Agenda 2010 angestoßenen Arbeitsmarktreformen hat vor allem eine verantwortungsvolle Tarifpolitik geholfen, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen zu verbessern und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Nach den Fehlern im Zuge der Wiedervereinigung – die Löhne stiegen vor allem im Osten teils mit zweistelligen Raten, um das hohe Westniveau zu erreichen – schalteten die Gewerkschaften Mitte der 1990er Jahre einen Gang zurück.

Deutschland wurde in der Folge wieder wettbewerbsfähig. Allerdings rief die moderate Lohnpolitik auch Kritiker auf den Plan. Immer wieder wurde bemängelt, der Aufschwung hänge zu sehr am Export und die Beschäftigten hätten zu wenig in der Lohntüte, weil deren Lohnzuwächse regelmäßig von der Inflation aufgezehrt würden. Das aber stimmt so nicht, wenn man sich einzelne Perioden und Branchen ansieht.

Aufschwung 2006 bis Frühjahr 2008

Tatsächlich blieb die Reallohnentwicklung in diesem Zeitraum verhalten. Preisbereinigt lagen die Tariflöhne für die Gesamtwirtschaft im Jahr 2008 sogar geringfügig unter dem Niveau von 2005. Etwas besser sah es im größten deutschen Industriezweig aus, der Metall- und Elektroindustrie. Dort stiegen die Tariflöhne zwischen 2005 und 2008 real immerhin um 3,3 Prozent.

Krise 2008/2009 bis heute

Die Wirtschaftskrise schlug in der Industrie derart heftig zu, dass die IG Metall 2010 erstmals darauf verzichtete, überhaupt eine Lohnforderung zu stellen. Diese vorübergehende Zurückhaltung – die sich auch in anderen Branchen zeigte – bremste die Lohndynamik zwischen 2010 und 2011.

Real fast sechs Prozent mehr als 2008

In den vergangenen drei Jahren legten die Tariflöhne aber überall wieder deutlich zu. Und weil die Preise inzwischen kaum noch steigen, gab es bei den Reallöhnen seit 2012 ein Plus von 3,1 Prozent. Das war der höchste Zuwachs seit 1995. Unter dem Strich haben die Arbeitnehmer also seit der Rezession Boden gutgemacht. Über alle Branchen hinweg verdienen die Beschäftigten heute real 5,7 Prozent mehr als im Jahr 2008. Dabei fiel das tarifliche Plus im Verarbeitenden Gewerbe größer aus als in vielen Dienstleistungsbereichen. Wachsende Beschäftigung und steigende Reallöhne haben den Konsum stimuliert und das Wachstum damit auf eine breitere Grundlage gestellt. Und da die Teuerung vorerst niedrig bleiben dürfte, werden die Reallöhne auch 2015 steigen. Sollten die Gewerkschaften aber den Bogen überspannen, wird dies die Beschäftigungsdynamik bremsen.